Was wir bereits vor Edward Snowden wussten: Big Data Strategien im amerikanischen Wahlkampf

Wir werden alle überwacht. Wissen wir das wirklich erst seit den Enthüllungen Edward Snowdens? Snowden zeigt in seinen Äußerungen die Totalüberwachung der weltweiten Internetkommunikation durch die Geheimdienste dieser Welt auf. Macht wird häufig durch Wissensvorsprung definiert und die Mächtigen dieser Welt wollen ihren Status eben nur ungern aufgeben.

Wie gesagt, so richtig neu, ist die Erkenntnis der Überwachung wohl nicht. Im April gab es auf der SMX in München zu diesem Thema bereits einen interessanten Vortrag. Eigentlich nicht wirklich zu diesem Thema, aber was letztendlich bei mir hängen blieb, ging doch schwer in Richtung Edward Snowdens Aussagen.

„Next Practice Campaigning – Grassroots Mobilization & Big Data Strategies“ lautete der Titel der Präsentation, die von Julius Van de Laar gehalten wurde, der im US Wahlkampf 2012 als Regional GOTV Director den Bereich Wählermobilisierung für Barack Obama leitete.

Mit welchen Methoden Obama seinen Wahlkampf gewann

Im Januar 2012 zu Beginn der harten Wahlkampfphase sprachen alle Zahlen gegen eine Wiederwahl von Barack Obama. 8% Arbeitslosigkeit, 59% aller Amerikaner lehnten seine Wirtschaftspolitik ab, der öffentliche Zuspruch sank von 66% in 2009 auf 41% und auf die Frage, wie enthusiastisch sich die Wähler verhalten, lagen die Demokraten mit 39% deutlich hinter den Republikanern mit 51%. Mit so schlechten Zahlen wurde nie zuvor ein US Präsident wiedergewählt.

Als dann auch noch die Beliebtheitswerte von Gegenkandidat Mitt Romney im Mai 2012 fast die Werte von Obama erreichten, mussten die Demokraten handeln. Neben gezielten Kampagnen gegen Romney, auf die ich hier aber nicht eingehen möchte, setzte das Obama Team vor allem auf „Digital Campaigning“ und die Frage „Wie erreichen wir die richtigen Wähler?“

Und hier kommt wieder Snowden ins Spiel, denn um die Frage zu beantworten, wie ich den richtigen Wähler erreiche, benötige ich zunächst die richtigen Daten. Was haben die Demokraten also gemacht? Sie kauften als Basis alle Daten von sämtlichen Bonuskartenanbietern. Nachdem man sich in den USA für die Wahl registrieren lassen muss und dies meistens über eine Partei erfolgt, wurden diese Informationen mit den Angaben der Bonuskarten gematcht. Was man jetzt noch benötigte war Facebook & Co., denn laut einer Statistik sind 98% aller Amerikaner, die auf Facebook sind, mit jemandem befreundet, der Obama mag.

Dazu gründete man die Plattform my.barackobama.com. Dort konnte man sich mit Facebook Connect anmelden, was zur Folge hatte, dass die Obama Kampagne sofort auf sämtliche Facebook Daten der Teilnehmer zugreifen konnte, einschließlich aller Freunde. Jetzt war es sogar möglich, wenn der User eingewilligt hatte, unter dessen Namen auf dessen Pinnwand zu posten, was dazu führte, dass alle Freunde dachten, der User hat Gutes über Barack Obama geschrieben. Authentischer Wahlkampf mit Millionen von Usern.

Jetzt hatte man also die Social Media Daten vieler Unterstützer und auch deren Freunde, wusste von den Wahlregistrierungen, welche Partei sie wählen und kannte zudem deren Einkaufsgewohnheiten durch die Informationen der Bonuscards Daten. Das Spektakel konnte beginnen.

Die Details der digitalen Mobilisierungskampagne Obamas

Alle Anhänger, die den Demokraten Zugriff auf deren Profil ermöglichten, erhielten nun regelmäßige Posts des Obama Wahlteams. „Have you voted yet? Tell your friends?“ stand dort z.B. auf der Pinwand. Es kommt aber noch besser. Die Demokraten hatten ja auch Zugriff auf die Freunde der Facebook Anhänger. Auch diese Personen wurden nun durch die Datenbanken geschleust. Wer hat bei den letzten Wahlen die Demokraten gewählt und muss mobilisiert werden? Wer lebt in einem Staat, der besonders umkämpft ist? Die Unterstützer Obamas erhielten nun E-Mails, in denen sie konkret aufgefordert wurden, speziell die Freunde zu motivieren zur Wahl zu gehen und die Demokraten zu wählen, die dem zuvor definierten Anforderungsprofil entsprachen. Da stand dann in etwa: Deine Freunde XVZ leben in Staaten, in denen die Wahl entschieden wird. Wenn Du sie erinnerst zur Wahl zu gehen, werden sie uns eher unterstützen. Die ganze Aktion wurde schließlich statistisch belegt: „78% aller Personen, die von ihren Freunden aufgefordert wurden für Barack Obama zu stimmen, haben auch für ihn gestimmt.“

Auch Aktionen für den Häuserwahlkampf und für den Spendenbereich wurden mithilfe der gesammelten „Big Data“ exakt auf die richtige Zielgruppe abgestimmt. So hatten z.B. Wahlkampfhelfer, die von Haus zu Haus zogen, eine App zur Verfügung, mit Listen, in denen Sie genau die Personen vorfanden, die noch unentschlossen waren, aber Barack Obama grundsätzlich positiv gestimmt waren.

Diese Mobilisierung, die Aufgrund der Unmengen an gesammelten Daten, erreicht werden konnte, war letztendlich Wahlentscheidend. Ein Beispiel aus Ohio. Bis kurz vor der Wahl lagen beide Kandidaten Kopf an Kopf bei 49%. 4 Tage vor der Wahl zogen 21.000 Freiwillige los und führten 350.000 Gespräche in 819.000 Haushalten. Obama gewann die Wahl in Ohio mit nur 103.481 Stimmen Vorsprung.

Mitt Romney hatte diese Daten nicht annähernd zur Verfügung. Er führte seinen Wahlkampf zu traditionell und verlor. Obamas Onlineoffensive aufgrund der zur Verfügung stehenden „Big Data“ war letztendlich der wahlendscheidende Faktor.

Was passiert mit unseren Daten im Internet?

Welche Innovationen lassen sich aus dem politischen Campaigning übertragen, war die Frage, die im Rahmen des Vortrages beantwortet werden sollte. Die Frage, die mir beantwortet wurde, war aber eher, wie gläsern der Mensch letztendlich ist und das das Thema Datenschutz nur in wenigen Ländern wie Deutschland überhaupt ein ernstzunehmender Faktor ist. Was aber letztendlich mit unseren Daten passiert, die wir auf Netzwerkseiten amerikanischer Unternehmen alla Facebook und Twitter posten, steht auf einem anderen Blatt. Der Schritt vom amerikanischen Wahlkampf zur Geheimdienstüberwachungstheorie eines Edward Snowden scheint mir jedenfalls nicht allzu weit zu sein.

Kai-Uwe Gutsch
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